Der Brunnen

Drängende Hitze lag über dem Bosporus. Der Lärm der Straßen mischte sich dumpf mit dem Geschrei der Möwen und den Schiffssirenen. Am Hafen flimmerte ein dunkler Teppich von Menschen, die gerade von der asiatischen Seite übergesetzt waren. Esteban schloss das Fenster. Er war wie zumeist nachdenklich, als er sein Hotel verließ, um sich in die Moschee am Ende der Straße zu begeben. Dort war es still um diese Zeit. Esteban betrat den mit Marmor ausgekleideten Vorhof und setzte sich auf eine der Stufen auf der Schattenseite. Er liebte diesen Ort, der von Touristenströmen verschont geblieben war und den selbst Einheimische außerhalb der Gebetszeiten kaum aufsuchten. Sein Blick ruhte auf dem alten holzgeschnitzten Waschpavillon und verlor sich allmählich im gleichmäßigen Überfließen des Wassers aus den Becken. Er wusste immer noch nicht, wie er sich entscheiden würde.
Auf der glatten Wasserhaut, die sich vom Beckenrand hinabspannte, traten ihm für einen Moment die Gesichtszüge des Sufimeisters entgegen. Esteban zuckte zusammen. Er hatte ihn vor einem Jahr gesehen und war auf der Stelle zutiefst berührt gewesen. Sein Leiden an den Dingen und das beständige Suchen nach etwas, das er nicht benennen konnte, war ihm so unerträglich geworden, dass er sich ein Herz gefasst hatte, beim Mevlevi Orden anzufragen, ob man ihn als Schüler aufnehmen würde. Der Sufimeister mit seiner tiefen, sanften Stimme hatte ihn nicht abgewiesen. Esteban musste lächeln, wenn er daran dachte. Er lächelte jetzt wie der Meister damals. In seiner Euphorie hatte er ihn gefragt, wann er im Orden anfangen könnte, denn er würde sich dann für einige Monate Urlaub nehmen. Der Sufi sagte nur: „Dies ist ein Weg ohne Wiederkehr.“
Esteban schärfte seinen Blick auf die feinen Furchen der Wasserhaut und wünschte, all sein Suchen könnte solch klare Linien in seine Gedanken ziehen. Die Klarheit war es, worum er das Wasser beneidete. Selbst sein Säuseln und Rauschen empfand er als klar und deutlich. Da fielen Esteban die Worte ein, deren Sinn sich ihm nie ganz erschlossen hatte: Ein Mittel suchte ich gegen mein Leiden, wo doch mein Leiden das Mittel ist. Eigentlich war er ihrem türkischen Wohlklang verfallen und hatte sie einfach auswendig gelernt. Wie ein anvertrautes Gut trug er sie bei sich, das er von Zeit zu Zeit umsorgte, es leise vor sich hin aufsagend. Plötzlich hatte Esteban das Bedürfnis, diese Worte dem Wasser zu übergeben. Er sah sich um. Er war alleine. Und mit noch zögerlicher Stimme setzte er an: „Derman aradım derdime, meğer derdim derman imiş.“ Sein Tonfall wurde langsam sicherer, „derman aradım derdime“ und er wiederholte die immergleichen Worte „meğer derdim derman imiş“, wieder und wieder bis sie nur noch Rhythmus und Melodie einer klaren Quelle wurden.
Es dämmerte. Der Muezzin erhob seine melancholisch schöne Stimme und rief zum Abendgebet. Esteban hielt inne. Seltsam berührt horchte er zu, erhob sich dann und ging zum Brunnen. Er sah das Wasser an, in dem sich die Worte wie auch das Bild des Sufis aufgelöst hatten. Und mit einemmal verstand er. Er würde nun die Waschung vornehmen. Er würde barfuß in das Halbdunkel der Moschee eintreten. Und er würde zum ersten Mal ohne Hoffnung beten.

Kompendium

Oya Erdoğan, geb. 1970 in Akyazı in der Türkei, studierte Philosophie und Orientalistik in Wien, lebt als freie Schriftstellerin zur Zeit in Berlin.